„Wir werden überschüttet mit Bildern“ – Interview mit STERN-Bildchef Andreas Trampe

Bernd Wohlert von Dok5 Keywording befragte Andreas Trampe (Ressortleiter der Stern Bildredaktion) u.a. nach den Merkmalen herausragender Fotos, nach der Bedeutung von Prints im Zeitalter der digitalen Fotografie, den Perspektiven für professionelle Fotografen, nach dem Preisverfall und der Strukturkrise im Bildermarkt und natürlich auch nach dem Stellenwert des Keywording.

Interview mit Andreas Trampe / Stern

Über Andreas Trampe

Andreas Trampe

Andreas Trampe ist seit 1999 Ressortleiter der STERN Bildredaktion. Von 1996 bis 1999 war er dort bereits drei Jahre stellvertretender Ressortleiter. Von 1991 bis 1996 war er Fotochef bei Bild am Sonntag, zuvor selbst aktiv als Freier Fotograf.

Dokfünf: Wozu brauchen wir Fotos?

Andreas Trampe: Es ist eigentlich simpel. Fotos transportieren Informationen in Sekundenschnelle. Sie funktionieren global, das heißt es ist die einzige Sprache, die um den ganzen Erdball herum gesprochen und verstanden wird. So kann man Sachzusammenhänge extrem schnell erfassen – innerhalb von Sekunden. Und: nichts ist so emotional und so schnell wie ein gutes Bild.

Die französische Illustrierte „Paris Match“ startete 1949 mit der Devise: „Das Gewicht der Wörter und der Schock der Fotos“. Stimmt das auch für Sie?

Es ist natürlich marketingmäßig sehr zugespitzt. Im Fotojournalismus ist es so, das man Geschichten schnell erzählen, Sachverhalte auf den Punkt bringen, Emotionen vermitteln will.

Wenn man dann global aufgestellt ist wie der Stern, und z.B. mit einem Fotografen aus Thailand oder Brasilien produziert, der nicht in Deutschland sozialisiert wurde, dann ist es immer wieder schön, zu sehen wie universell Bilder funktionieren. Ein gutes Foto schafft im Gegensatz zum Film auch noch etwas Bleibendes, weil es die Zeit anhält, denn gute Fotos sind in der Lage, die Geschichte einzufrieren.

Welche Merkmale hat ein derart herausragendes Foto?

Ein herausragendes Foto, ein gutes Foto reduziert komplexe Realitäten, Ereignisse oft nur auf ganz winzige Bruchteile. Es macht sich frei davon, alles erzählen zu wollen, es erzählt nur einen bestimmten Teil einer Geschichte, es ist immer emotional. Es erzeugt Mitleid, Empathie, Schadenfreude, Glück. Es sind immer bestimmte Gefühle, die man damit verknüpft. Es gibt natürlich auch Feature Fotos, die zu Ikonen der Bildsprache werden, obwohl sie im klassischen Verständnis geringe Relevanz haben. Das Foto von Robert Doisneau mit dem küssenden Liebespaar ist so ein Feature Foto, das über Jahrzehnte funktioniert. Die Emotion steht klar im Vordergrund, und ist in diesem Beispiel die eigentliche Nachricht.

Bei Nachrichtenfotos dagegen ist der Zeitwert weit niedriger, außer bei Ikonen der Nachrichtenfotografie. Diese Fotos müssen extrem wichtige Ereignisse aufgreifen wie den Napalm-Angriff in Vietnam oder das Zusammenstürzen des World Trade Centers in New York.
Auch hier gilt: Je stärker die Emotionen im Vordergrund stehen, umso länger kann das Foto überleben.

Das berühmte Foto von Robert Doisneau war gestellt, entstand im Rahmen einer Auftragsarbeit. Wie gehen Sie mit dem Problem der Objektivität im Bildjournalismus um?

Fotos sind oft gestellt. Oft allein schon dadurch, dass der Fotograf selber die Szenerie verändert. Aber das ist noch keine Manipulation. Eine Familie, die in einem Krankenhausflur sitzt, sitzt dort anders, wenn sie fotografiert wird als wenn sie nicht fotografiert wird. Leute, die eitel sind, gucken anders auf Fotos oder fahren sich noch mal durchs Haar, streichen sich den Rock oder die Hose noch mal zu recht. Simple Kleinigkeiten.

Ich finde, die Manipulation fängt dann an, wenn Szenen extra inszeniert werden. Also, wenn die Familie niemals auf dem Krankenhausflur gesessen hätte, wenn die Frau sich einen anderen Rock anzieht, weil er besser aussieht als der, den sie anhatte. Das geht bei inszenierten Portraits, aber nicht im Photojournalismus. Wenn Realität massiv verändert wird, um bestimmte Aussagen zu generieren, dann beginnt die Manipulation. Oft liegt gar keine verwerfliche Absicht vor – aber hier gilt: „Wehret den Anfängen“.

Gibt es ein Tabu für ein Motiv? Fotos, die Sie als nicht zeigbar einstufen?

Ja, wir zeigen z.B. nie Fotos, die extreme Gewalt zeigen, wenn dies nicht nötig ist. Es ist nicht unsere Aufgabe die Leser zu schockieren.

Was können Printmedien, gerade wenn es um Bilder geht, besser oder schlechter leisten als Online-Medien?

Praktisch gesehen können sie das Gleiche. Faktisch ist es aber nicht das Gleiche, ob ich ein Heft als Print lese oder Online. Das liegt an der Entwicklung der online Medien, wie sie wahrgenommen und wozu sie benutzt werden.

Online-Medien sind grundsätzlich schnell und hektisch. In den spezielle Formaten Nachrichtenjournalismus und Reportage ist ein online Auftritt oder ein online Produkt immer hektischer, es wird schneller aktualisiert.

Stern Online wird anders genutzt als der Print Stern. Die Printmedien sind immer eher ausgeruht und haben eine entschleunigende Funktion.

Dokfünf hat 2010 einen Fotowettbewerb veranstaltet. Die Juroren konnten alle Fotos am Monitor anschauen und als Print. Welche Rolle spielen Prints beim Stern?

Wir sind ein hochdigitalisierter Berufszweig geworden. Prints spielen kaum noch eine wesentliche Rolle. Der Stern bekommt pro Woche ca. 100.000 Bilder. An ereignisreichen Tagen sind es 22.000 bis 23.000 Bilder. Natürlich können wir die nicht alle ausdrucken, um eine Auswahl zu machen, aber wenn wir eine große Farbe komponieren, dann layouten wir dreißig, vierzig Doppelseiten, drucken sie aus und machen das „Last Edit“ auf gedrucktem Papier.

Wenn es sich um kleine Stücke handelt, um 3 Seiten zum Beispiel, dann machen wir das am Schirm, dann drucken wir nichts aus. Aber wenn wir sechs oder acht Doppelseiten für das Heft planen, dann kommt es auch auf die Reihenfolge an: kommt erst die Vogelperspektive, die Übersicht oder die Nahaufnahme eines Menschen usw. Die Komposition der Geschichte muss ja auch entschieden werden. Das kann man lösen, wenn man die Bilder so hinlegt, wie der Leser sie auch blättern würden.

Fotografieren im digitalen Zeitalter kann jeder, heißt es. Wie sehen Sie die Zukunft der Profifotografen im Vergleich zu den Amateuren?

Ja, es kann jeder fotografieren und es kann auch jeder ganz gut fotografieren, denn er kann ja immer hinterher leicht prüfen, wie das digitale Foto geworden ist. Und oft kann er es einfach wiederholen.

Der Profifotograf wird aber deshalb nicht aussterben, er wird nach wie vor gebraucht, denn er fotografiert wesentlich besser als jeder Amateur. Wenn ich einen Profifotografen und den Amateur für eine Geschichte vier Tage nach Rajasthan schicke, dann wird der Profifotograf eine durchkomponierte Bildstrecke mitbringen, die eine Geschichte erzählt. Der Amateur wird nur in Teilbereichen gute Ergebnisse erzielen, die häufig auf Zufall beruhen.

Ein Problem für den Profifotografen heute ist eher, dass es nicht genug Kunden gibt, die diese Art von hochwertiger Fotografie nutzen. Der professionelle Reportagefotograf wird deshalb nicht aussterben, aber es wird immer härter für ihn, ein geregeltes Einkommen zu erzielen.

Welchen Stellenwert haben für Sie Street Photography und Story Telling?

Story Telling ist sehr wichtig. Der Fotograf überlegt vorher, was für eine Geschichte er erzählen will. Er entwickelt dafür ein Konzept, das er im Kopf hat. Er klopft als allererstes theoretisch ab, ob es überhaupt möglich ist, diese Bilder machen zu können und überlässt nur den Rest dem Zufall. Er braucht Erfahrung für die Umsetzung, das ist solides Handwerk, konzentrierte Arbeit. Street Photography ist normalerweise nicht journalistisch, weil der Fotograf die Ergebnisse dem Zufall überlässt. Das kann ganz wunderbar sein, aber auch belanglos. Im Journalismus geht es nicht um schöne Bilder, sondern vor allem um Geschichten.

Früher haben Bilder einen Text begleitet und illustriert, und heute begleiten Texte eher die Fotos. Wie sehen Sie das?

Ich kann Ihnen leider nicht zustimmen. In den meisten Zeitschriften regiert sozusagen der schreibende Journalist und Bilder werden benutzt, das geschriebene Wort zu illustrieren. Wenige Zeitschriften in Deutschland schaffen es, dass Bilder die Geschichte vorgeben und der Text ergänzend dazu gestellt wird.

Gibt es Trends im Markt, die sie begrüßen?

Es gibt eher Trends die ich nicht begrüße. Die Menge der Bilder explodiert jedes Jahr immer mehr, ohne dass sich die Qualität wesentlich verbessert. Bei der Recherche führt dies dazu, dass wir jetzt 250 Agenturen haben, in denen wir online recherchieren können. Wir werden überschüttet mit Bildern und die Frage ist, ob „Aufwand und Ertrag“ in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.

Ist dieses Problem z.B. durch intelligente Verschlagwortung der Bilder lösbar?

Aus meiner Sicht müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit ein sehr gutes Bild den Weg in den Stern findet. Erstens, brauche ich eine sehr gute Verschlagwortung, damit ich das Bild überhaupt finde. Zweitens, brauche ich eine sehr, sehr gute technische Qualität damit das Bild sehr gut gedruckt werden kann. Drittens, ich brauche ein sehr gutes Motiv, ein richtig tolles Bild. Doch: Es bleibt das Problem – wenn die gute Verschlagwortung fehlt, dann finde ich das Bild gar nicht erst und es wird nie gedruckt.

Sie stellen also hohe Anforderungen beim Input der Fotos?

Es braucht eine korrigierende Instanz in den Agenturen, die entscheidet welches Bild genommen wird und welches nicht. Die richtig großen Bildagenturen fahren einen knallharten Kurs bei dem, was sie in ihre Bilddatenbanken aufnehmen. Was machen die erfolgreichen Agenturen besser als die anderen? Wenn man das etwas genauer analysiert, dann ist der erste Punkt, dass da Profis arbeiten, die ihren Bildbestand wirklich prüfen, hohe qualitative Standards setzen, auch was das Keywording angeht. Wir haben heute ein Überangebot, zu viele Bilder, zu viele Lieferanten, wir haben deshalb auch ein Qualitätsproblem und einen extremen Preisverfall. Das ist eine Strukturkrise. Das Produkt Bild ist eigentlich in vielen Bereichen sehr, sehr preiswert und das wiederum führt dazu, dass noch mehr Anbieter auf den Markt drängen und ihre Bilder „quick and dirty“ verschlagworten und bereitstellen und es über die Masse machen. Die sagen dann: wir haben halt nicht so ein gutes Keywording, nicht so eine gute Qualität, aber wir verkaufen z.B. lieber 1000 Bilder für 12 Euro, als 100 Bilder für 60 Euro. Und das ist momentan der Trend und das macht einem schon Sorgen. Das Keywording geht nach Indien, nach Bangladesch, von dort geht es in die Mongolei? Aber irgendwann ist Schluss mit billig.

Stichwort Kreativ. Welche Agentur im Bildermarkt ist Ihnen aufgefallen ?

Plainpicture ist eine sehr kreative, moderne Agentur. Sie haben gute Bilder. Sie bedienen den Mainstream, ihre Motive gehen aber zusätzlich zu 10 – 20% in eine ungewöhnliche kreative Richtung, die sie von anderen Agenturen wohltuend unterscheidet. Es ist wie mit dem „gelben Taxi“ in New York. Ohne das gelbe Taxi geht die NY Geschichte nicht, aber wenn ich ihnen nur das liefere, dazu den Ground Zero und die Statue of Liberty, dann ist das langweilig, Sie müssen das Erwartbare bekommen, aber das Erwartbare auch immer wieder brechen, ergänzen und überraschen – das ist die hohe Kunst.

Stichwort Kunst. Was interessiert Sie jenseits der Fotografie?

Ich schätze Malerei. Ich würde mir zuhause keine Fotos aufhängen, davon habe ich tagsüber genug. Meine Frau malt und sie malt sehr gut. Gute Malerei hat etwas Zeitloses.

Ein Lieblingsbuch?

Ich muss gestehen, ehrlicherweise nein. Ich komme fast überhaupt nicht zum Lesen von Büchern, außer im Urlaub. Ich lese sehr viel Zeitschriften, Zeitungen und bin online. Im Urlaub klemm ich alles ab, und lese überhaupt keine Zeitschriften und sehe kein Fernsehen und hab kein Handy und hab kein Radio und lese nur Bücher. Da lese ich meistens Belletristik, etwas, was mich entspannt. Ich bin ein großer Fan von John Irving, ich mag schräge Geschichten.

Könnten Sie ein Sprichwort nennen, das Ihnen besonders wichtig ist?

„Das Bessere ist der Feind des Guten.“

Wenn Sie jetzt einen Fotoapparat in der Hand hätten, was wäre Ihr Motiv?

Ich fotografiere immer Menschen – Menschen finde ich immer am Spannendsten, am liebsten fotografiere ich meine Töchter.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Das Interview mit Andreas Trampe hat Bernd Wohlert von DOK5 geführt. DOK5 ist eine Firma aus Hamburg, deren Spezialgebiet die Verschlagwortung, das sogenannte Keywording von Bildern ist.

Kurzprofil: Hier berichte ich seit mehr als 10 Jahren über meine beiden Lieblingsthemen: Fotos und verkaufen! Gestartet habe ich mit einer einfachen Anleitung für Fotoverkäufer. Ich berichte ausserdem über Bildagenturen, Bildagentur-Software, Webshop-Systeme für Fotografen und alles womit Sie Ihre Fotos verkaufen können. Mein Stock Photo Press Verlag betreibt weitere Internetseiten zum Thema Fotos kaufen und Microstock. Seit 2011 veranstalten wir ausserdem die Bildagentur-Messe MicrostockExpo.

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